{"id":134,"date":"2006-10-11T22:26:13","date_gmt":"2006-10-11T20:26:13","guid":{"rendered":"http:\/\/www.scrupeda.net\/wordpress\/2006\/10\/11\/eine-runde-mitleid-fur-die-tontragerhersteller\/"},"modified":"2006-10-11T22:40:24","modified_gmt":"2006-10-11T20:40:24","slug":"eine-runde-mitleid-fur-die-tontragerhersteller","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.scrupeda.net\/wordpress\/2006\/10\/11\/eine-runde-mitleid-fur-die-tontragerhersteller\/","title":{"rendered":"Eine runde Mitleid f\u00fcr die Tontr\u00e4gerhersteller"},"content":{"rendered":"<p>Ich hatte heute das Vergn\u00fcgen die Jahreswirtschaftsberichte des <a href=\"http:\/\/www.ifpi.de\/\">Bundesverbandes der phonographischen Industrie<\/a> seit dem ersten Erscheinungsjahr 1960 auswerten zu d\u00fcrfen; vor allem interessierte mich die Entwicklung der Verkaufszahlen von Compact Cassetten bzw. &#8216;MusiCassetten&#8217; (MCs). Ein Seiteneffekt war, dass ich das Aufkommen und den Verlauf der wohl ersten Kopier-Hysterie der Urheber- bzw. Verwertungsrechte besitzenden Klasse in ihren eigenen Worten nachvollziehen konnte. Meine Erkenntnisse:<\/p>\n<h4>Eine empfindsame Industrie und der Tontr\u00e4gerabsatz von Norwegen<\/h4>\n<p>1969 wird die MusiCassetten erstmals von der Industrie als relevantes Medium empfunden und im Jahresbericht aufgef\u00fchrt, es werden ca 1.75 Mio. St\u00fcck verkauft, davon die H\u00e4lfte ins Inland. In den folgenden Jahren steigern sich diese Anteile best\u00e4ndig, wobei die MC im Laufe der Zeit einen immer gr\u00f6\u00dferen Anteil am Wachstum der St\u00fcckzahlen des Tontr\u00e4germarktes hat. Nicht so gro\u00df ist ihr Beitrag zum Umsatz dieses Marktes, ist sie doch klar ein &#8216;Niedrigpreismedium&#8217;. 1977 f\u00e4llt der phonographischen Industrie dann auf, dass ja auch Leerkassetten verkauft werden. Immernoch kann sie ein h\u00fcbsches j\u00e4hrliches Wachstum aufweisen, ist aber der Meinung:<\/p>\n<blockquote><p>Besonders schwerwiegende wirtschaftliche Auswirkungen, deren Gewicht st\u00e4ndig steigt, haben das private Mitschneiden von Tontr\u00e4ger-Repertoire und die Tontr\u00e4ger-Piraterie. Die sich daraus ergebenden Probleme werden von den Tontr\u00e4gerherstellern in steigendem Ma\u00dfe empfunden: Die vorliegenden Marktergebnisse sind davon mitgepr\u00e4gt.<\/p><\/blockquote>\n<p>In den folgenden Jahren geht es ordentlich rund; 1978 stagniert der Kassettenmarkt erstmalig, und der Kampf der Leercassette wird aufgenommen:<\/p>\n<blockquote><p>Er betr\u00e4gt 1978 29,2 % gegen\u00fcber 29,3 % im Vorjahr, ein deutliches Alarmzeichen f\u00fcr die Folgen des Vormarsches von Leercassetten. Private Mitschnitte auf Leercassetten sind, wie eine im vergangenen Jahr ver\u00f6ffentlichte Untersuchung der Gesellschaft f\u00fcr Marktforschung beweist, zu einem der wichtigsten Tr\u00e4ger f\u00fcr die Verbreitung von Musik geworden. Die so gut wie kostenlose Nutzung der urheberrechtlich gesch\u00fctzten Leistungen stellt f\u00fcr den Musikmarkt eine ernste Bedrohung dar. Die geforderte Abgabe auf Leercassetten darf nicht verz\u00f6gert werden&#8230;<\/p><\/blockquote>\n<p>1979 f\u00e4llt ihr auf:<\/p>\n<blockquote><p>\nMit den 1977 in der Bundesrepublik verkauften Leercassetten h\u00e4tten alle im Jahr 1977 verkauften bespielten Tontr\u00e4ger (das waren 178,4 Millionen St\u00fcck) mitgeschnitten werden k\u00f6nnen. Es steht zu bef\u00fcrchten, da\u00df unter den heutigen Verh\u00e4ltnissen sogra noch zus\u00e4tzlich Platz w\u00e4re f\u00fcr den Tontr\u00e4ger-Absatz eines Landes wie etwa Norwegen.<\/p><\/blockquote>\n<p>1983 schlie\u00dflich, in dem Jahr, in dem erstmals auch die CD aufgef\u00fchrt wird, haben die Privatkopierer die Macht \u00fcbernommen:<\/p>\n<blockquote><p>Privates Kopieren ist bei Musik inzwischen die mit Abstand wichtigste Nutzungsart geworden. Es wird j\u00e4hrlich weit mehr Musik privat kopiert als insgesamt auf Schallplatten und MusiCassetten verkauft werden kann. [&#8230;] Mit einem gesch\u00e4tzten Jahresabsatz von inzwischen \u00fcber 100 Millionen St\u00fcck ist die Leercassette zum wichtigsten Aufzeichnungstr\u00e4ger f\u00fcr Musik geworden.<\/p><\/blockquote>\n<p>Bemerkenswert im internationalen Vergleich ist, dass in Deutschland die MusiCassette nie zum dominanten Musikmedium geworden ist, sondern die Vorherrschaft von der LP gleich auf die CD \u00fcberging, ganz im Gegensatz z.B. zu den USA, wo Ende der 1980er Jahre weit mehr MusiCassetten verkauft wurden als Platten und\/oder CDs. Wer Lust hat, daraus Schlussfolgerungen \u00fcber die Aufgekl\u00e4rtheit der jeweiligen Popkultur zu ziehen, ist herzlich eingeladen, das an dieser Stelle zu tun;-)<\/p>\n<p>P.S.: Die meiste Zeit \u00fcber habe ich es geschafft, meine Blicke von den Jahrescharts, Auflistungen der Goldenen Schallplatten etc. fernzuhalten. Nur einmal war ich leichtsinnig und las, wie sich die Musikindustrie irgendwann in den 1980ern freute, ihre Krise mit Hilfe innovativer K\u00fcnstler wie u.a. Modern Talking \u00fcberwunden zu haben&#8230;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich hatte heute das Vergn\u00fcgen die Jahreswirtschaftsberichte des Bundesverbandes der phonographischen Industrie seit dem ersten Erscheinungsjahr 1960 auswerten zu d\u00fcrfen; vor allem interessierte mich die Entwicklung der Verkaufszahlen von Compact Cassetten bzw. &#8216;MusiCassetten&#8217; (MCs). Ein Seiteneffekt war, dass ich das Aufkommen und den Verlauf der wohl ersten Kopier-Hysterie der Urheber- bzw. 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