{"id":51,"date":"2006-03-23T17:19:46","date_gmt":"2006-03-23T16:19:46","guid":{"rendered":"http:\/\/www.scrupeda.net\/wordpress\/2006\/03\/23\/es-west-fort-und-fort-und-fort\/"},"modified":"2006-08-13T15:34:56","modified_gmt":"2006-08-13T14:34:56","slug":"es-west-fort-und-fort-und-fort","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.scrupeda.net\/wordpress\/2006\/03\/23\/es-west-fort-und-fort-und-fort\/","title":{"rendered":"Es west fort, und fort, und fort&#8230;"},"content":{"rendered":"<blockquote><p>Die Frage \u00bbWas bedeutet: Aufarbeitung der Vergangenheit\u00ab mu\u00df erl\u00e4utert werden. Sie geht von einer Formulierung aus, die sich w\u00e4hrend der letzten Jahre als Schlagwort h\u00f6chst verd\u00e4chtig gemacht hat. Mit Aufarbeitung der Vergangenheit ist in jenem Sprachgebrauch nicht gemeint, da\u00df man das Vergangene im Ernst verarbeite, seinen Bann breche durch helles Bewu\u00dftsein. Sondern man will einen Schlu\u00dfstrich darunter ziehen und wom\u00f6glich es selbst aus der Erinnerung wegwischen. Der Gestus, es solle alles vergessen und vergeben sein, der demjenigen anst\u00fcnde, dem Unrecht widerfuhr, wird von den Parteig\u00e4ngern derer praktiziert, die es begingen.\n<\/p><\/blockquote>\n<p><!--more--><\/p>\n<blockquote><p>\n&#8230;<br \/>\nDa\u00df die Vergangenheit in Deutschland keineswegs blo\u00df im Kreis der sogenannten Unverbesserlichen, wenn es denn so sein soll, noch nicht bew\u00e4ltigt ward, ist unbestritten. Es wird da immer wieder auf den sogenannten Schuldkomplex verwiesen, oft mit der Assoziation, dieser sei durch die Konstruktion einer deutschen Kollektivschuld eigentlich erst geschaffen worden. Unbestreitbar gibt es im Verh\u00e4ltnis zur Vergangenheit viel Neurotisches: Gesten der Verteidigung dort, wo man nicht angegriffen ist; heftige Affekte an Stellen, die sie real kaum rechtfertigen; Mangel an Affekt gegen\u00fcber dem Ernstesten; nicht selten auch einfach Verdr\u00e4ngung des Gewu\u00dften oder halb Gewu\u00dften. So sind wir im Gruppenexperiment des Instituts f\u00fcr Sozialforschung h\u00e4ufig darauf gesto\u00dfen, da\u00df bei Erinnerungen an Deportation und Massenmord mildernde Ausdr\u00fccke, euphemistische Umschreibungen gew\u00e4hlt werden oder ein Hohlraum der Rede sich darum bildet; die allgemein eingeb\u00fcrgerte, fast gutm\u00fctige Wendung \u00bbKristallnacht\u00ab f\u00fcr das Pogrom vom November 1938 belegt diese Neigung.<br \/>\n&#8230;<br \/>\nWir alle kennen auch die Bereitschaft, heute das Geschehene zu leugnen oder zu verkleinern &#8211; so schwer es f\u00e4llt zu begreifen, da\u00df Menschen sich nicht des Arguments sch\u00e4men, es seien doch h\u00f6chstens nur f\u00fcnf Millionen Juden und nicht sechs vergast worden. Irrational ist weiter die verbreitete Aufrechnung der Schuld, als ob Dresden Auschwitz abgegolten h\u00e4tte. In der Aufstellung solcher Kalk\u00fcle, der Eile, durch Gegenvorw\u00fcrfe von der Selbstbesinnung sich zu dispensieren, liegt vorweg etwas Unmenschliches, und Kampfhandlungen im Krieg, deren Modell \u00fcberdies Coventry und Rotterdam hie\u00df, sind kaum vergleichbar mit der administrativen Ermordung von Millionen unschuldiger Menschen. Auch diese Unschuld, das Allereinfachste und Plausibelste, wird abgestritten. Das Unma\u00df des Ver\u00fcbten schl\u00e4gt diesem noch zur Rechtfertigung an: so etwas, tr\u00f6stet sich das schlaffe Bewu\u00dftsein, k\u00f6nne doch nicht geschehen sein, wenn die Opfer nicht irgendwelche Veranlassung gegeben h\u00e4tten, und dies vage \u00bbirgendwelche\u00ab mag dann nach Belieben fortwuchern. Verblendung setzt sich hinweg \u00fcber das schreiende Mi\u00dfverh\u00e4ltnis zwischen h\u00f6chst fiktiver Schuld und h\u00f6chst realer Strafe. Zuweilen werden die Sieger zu Urhebern dessen gemacht, was die Besiegten taten, als sie selber noch obenauf waren, und f\u00fcr die Untaten des Hitler sollen diejenigen verantwortlich sein, die duldeten, da\u00df er die Macht ergriff, und nicht jene, die ihm zujubelten. <\/p>\n<\/blockquote>\n<p><a href=\"http:\/\/oam.antifa.net\/archiv\/texte\/Theodor%20W%20Adorno%20-%20Was%20heisst.pdf\">Theodor W. Adorno, Was bedeutet: Aufarbeitung der Vergangenheit (pdf)<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Frage \u00bbWas bedeutet: Aufarbeitung der Vergangenheit\u00ab mu\u00df erl\u00e4utert werden. Sie geht von einer Formulierung aus, die sich w\u00e4hrend der letzten Jahre als Schlagwort h\u00f6chst verd\u00e4chtig gemacht hat. Mit Aufarbeitung der Vergangenheit ist in jenem Sprachgebrauch nicht gemeint, da\u00df man das Vergangene im Ernst verarbeite, seinen Bann breche durch helles Bewu\u00dftsein. 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