{"id":93,"date":"2006-08-18T20:40:29","date_gmt":"2006-08-18T19:40:29","guid":{"rendered":"http:\/\/www.scrupeda.net\/wordpress\/2006\/08\/18\/der-frieden-die-welt-und-die-grunen\/"},"modified":"2006-08-18T20:45:22","modified_gmt":"2006-08-18T19:45:22","slug":"der-frieden-die-welt-und-die-grunen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.scrupeda.net\/wordpress\/2006\/08\/18\/der-frieden-die-welt-und-die-grunen\/","title":{"rendered":"Der Frieden, die Welt und die Gr\u00fcnen"},"content":{"rendered":"<p>&#8220;Frieden mit der Hizbollah?&#8221; war der Titel einer <a href=\"http:\/\/planethop.blogspot.com\/2006\/08\/eine-veranstaltung-in-berlin-frieden.html\">Diskussionsveranstaltung<\/a> die gestern in der Kreuzberger Jerusalemgemeinde statt fand. <\/p>\n<p>Als Er\u00f6ffnungsstellungnahme erkl\u00e4rte <strong>Eldad Beck<\/strong> seine Trauer um die unschuldigen Opfer auf beiden Seiten und seine Ratlosigkeit angesichts einiger Fragen: Ist jetzt irgendwas grunds\u00e4tzlich anders als vorher? Was soll das hei\u00dfen, die Hizbollah wird nicht entwaffnet, aber daf\u00fcr ihre Waffen nicht mehr zeigen? Wenn neue UN-Truppen in den Libanon geschickt werden, werden sie dann auch was anderes tun, als die, die bisher schon da sind? Die israelische F\u00fchrung hat versagt &#8211; kann sie Israel weiter f\u00fchren? <!--more--><\/p>\n<p><strong>Ralph Ghadban<\/strong> betonte, dass die friedliche Volksbewegung des letzten Jahres im Libanon prinzipiell keine Gewalt mehr in Auseinandersetzungen im Inneren einsetzen will, aber auch, dass die shiitischen Minister die Regierung boykottieren und Hisbollah provoziere, der Iran ausschlaggebend f\u00fcr den Beginn der Angriffe gewesen sei, aber Israel sozusagen &#8220;einen totalen Krieg&#8221; gef\u00fchrt habe, bzw. zwei Kriege: einen gegen die Hizbollah und einen gegen den Libanon. Beide habe es verloren: die Hizbollah sei nicht geschw\u00e4cht, die libanesische Einheitsfront gest\u00e4rkt und alle vereint hinter der Regierung, denn die Libanesen w\u00fcrden unbedingt einen B\u00fcrgerkrieg vermeiden wollen. Ebenso sei die jetzt verabschiedete UN Resolution zugunsten der Zentralmacht im Libanon ausgefallen. Gro\u00dfe Armeen seien machtlos gegen einen Krieg mit terroristischen Mitteln; er zitierte einen israelischen Milit\u00e4r: <\/p>\n<blockquote><p>Hier in Israel steht das Milit\u00e4r zwischen der Bev\u00f6lkerung und dem Feind, um die Bev\u00f6lkerung zu sch\u00fctzen &#8211; im Libanon steht die Bev\u00f6lkerung zwischen Hizbollah und dem Feind, um die Hizbollah zu sch\u00fctzen.<\/p><\/blockquote>\n<p>Folgerichtig sei zwar das Land in Tr\u00fcmmern, die Hizbollah aber immernoch stark. Der Libanon habe nun nur die Wahl, auf Verhandlungen zu hoffen, oder die nicht-shiitischen Bev\u00f6lkerungsgruppen m\u00fcssten sich wieder bewaffnen und Milizen bilden und die Gefahr des endg\u00fcltigen Kantonisierung des Libanon in Kauf nehmen.<\/p>\n<p><strong>Sylke Tempel<\/strong> beschrieb die Hisbollah als totalit\u00e4re Bewegung, die nicht als Staat im Staat betrachtet werden k\u00f6nne, weil sie gar kein Interesse an staatlichen Funktionen &#038; Formen habe, sie sei nicht verhandlungswillig und betreibe ein &#8220;Kidnapping&#8221; des libanesischen Staates &#8211; die Befreiung Libanons von Syrien sei nur eine halbe gewesen, weil die Hizbollah wieder wichtiger geworden sei und ein Frieden ohne Syrien nicht m\u00f6glich. Alle Opfer w\u00fcrde der Hizbollah n\u00fctzen &#8211; sie betreibe zwar auch sozialeinrichtungen, eigentlich seien ihr Menschenleben aber durchaus egal. Sie fragte, wie wohl die erste Begegnung der libanesischen Armee mit der Hizbollah aussehen wird, beschrieb die Machtlosigkeit der bisherigen UNIFIL Truppen und warnte davor, dass die Hizbollah nat\u00fcrlich sich am Wiederaufbau w\u00fcrde beteiligen wollen, weil ein solcher Wiederaufbau eben auch gleichzeitig ein weiterer Ausbau ihrer milit\u00e4rische Stellungen sei. Um wirklich etwas ausrichten zu k\u00f6nnen, m\u00fcssten sich die internationalen Truppen auch solcher unsch\u00f6ner Mittel bedienen wie die Israelis &#8211; Hausdurchsuchungen etc., und das Risiko von Bombenattentaten in Kauf nehmen. Aber wer will das schon?<\/p>\n<p>Im weiteren Verlauf des Gespr\u00e4chs meinte sie, dass es sich hier nicht um einen Grenzziehungskonflikt handele, der mit Verhandlungen gel\u00f6st werden k\u00f6nne, sondern um ein ideologisches Problem &#8211; ebensowenig sei dieser Konflikt mit einer L\u00f6sung des Pal\u00e4stinenserproblems beizulegen, eben gerade weil man es hier mit einer &#8221; neuen genozidalen antimodernen totalit\u00e4ren Bewegung&#8221; zu tun habe. Als notwendige Schritte forderte sie, die libanesische Armee besser auszur\u00fcsten und Hizbollah-Sympathisanten nicht zu dulden, und h\u00e4rter mit  dem Iran zu verhandeln und nicht von vorneherein die milit\u00e4rische Option auszuschlie\u00dfen. <\/p>\n<p>Im Gegensatz dazu bestand <strong>Gadban<\/strong> darauf, dass die libanesische Armee noch nie etwas gekonnt h\u00e4tte und auch nie was k\u00f6nnen w\u00fcrde, und der libanesische Staat hier eben gerade nicht aktiv werden k\u00f6nne, weil seine Existenz auf dem Spiel st\u00fcnde. Israel habe die libanesische Regierung auf jeden Fall nicht unterst\u00fctzt, weil es ja Infrastruktur zerst\u00f6rt habe, die einzige L\u00f6sung sei ein Krieg der USA gegen den Iran. Er bestand auf dem sozialen Charakter der Hizbollah und betonte, sie sei mit der shiitischen Bev\u00f6lkerung &#8220;v\u00f6llig zusammengewachsen&#8221;. Desweiteren d\u00fcrfe man das Pal\u00e4stinserproblem nicht mit dem Islamismus verwechseln, und wenn ersteres gel\u00f6st w\u00fcrde, h\u00e4tte man schon den gr\u00f6\u00dften Teil des Gesamtproblem bew\u00e4ltigt. Die Hamas sei schlie\u00dflich ein Produkt der israelischen Politik, die meisten arabischen L\u00e4nder st\u00fcnden auf der Seite der USA und die h\u00e4tten mit dem Iran und der Hamas verhandeln sollen. In den meisten arabischen Staaten seien es eben die arabischen Regimes selbst, die den Islamismus bek\u00e4mpfen w\u00fcrden, w\u00e4hrend die Amerkaner doch schon planten, dass nach Mubarak in \u00c4gypten die Muslimbr\u00fcderschaft an die Macht kommen w\u00fcrde (an dieser Stelle klang es fast, als seien die Muslimbr\u00fcder eine Art amerikanische Marionette oder zumindest deren Lieblingspartner, kurz drauf korrigierte er sich un meinte, die Amerikaner w\u00fcrden ja schon planen, mit dern Muslimbr\u00fcdern zu verhandeln, wenn sie dann nach Mubarak an die Macht k\u00e4men &#8211; ein gro\u00dfer Unterschied!). <\/p>\n<blockquote><p>Der Westen ist doch an dem ganzen Schlammassel bei uns schuld!<\/p><\/blockquote>\n<p><strong>Beck<\/strong> wiederum erkl\u00e4rte die missliche Lage der israelischen Regierung und die Wirkung der Geschehnisse auf die israelische Bev\u00f6lkerung &#8211; dies sei der erste Krieg gewesen, der wirklich in die Wohnzimmer kam, die Ent\u00e4uschung \u00fcber den fehlenden Sieg und das nicht-erreichen der Kriegsziele sei gro\u00df, wie auch der Aufmunterungseffekt f\u00fcr die Hizbollah und alle \u00e4hnlich gesinnten. Er sah in den Ereignissen eine Arbeitsteilung zwischen Hamas und Hizbollah, und bezeichnete beide als faschistische Organisationen. Der Versuch der Domestizierung der Hizbollah in den letzten Jahren sei gescheitert, sie sei nicht domestizierbar und deswegen w\u00fcrde der Krieg weiter gehen:<\/p>\n<blockquote><p>Diese Organisationen wollen keinen Frieden mit Israel, deswegen wird es keinen Frieden geben.<\/p><\/blockquote>\n<p>Wenn man von Demokratisierung spreche, m\u00fcsse man sich dessen bewu\u00dft sein, dass sie nur mit demokratischen Kr\u00e4ften m\u00f6glich sei, nicht mit antidemokratischen, und dass im Libanon noch nie eine wirkliche Demokratie existiert habe, in der kein Mann nur aufgrund seiner Religion Pr\u00e4sident werden k\u00f6nne:<\/p>\n<blockquote><p>Kein Kontakt mit den Faschisten, wo immer sie sind!<\/p><\/blockquote>\n<p>Zum Kriegsverlauf meinte er wiederholt, er sei froh, keine milit\u00e4rischen Entscheidungen treffen zu m\u00fcssen &#8211; er h\u00e4tte als General wohl zuallererst den Pr\u00e4sidentenpalast in Beirut bombardiert, weil dort eben ein syrischer Agent sitze. Aber auch die Libanesen k\u00f6nnten sich jetzt nicht aus der Verantwortung ziehen, sie h\u00e4tten sehr viel gelitten, d\u00fcrften aber nicht im Jammern stecken bleiben. Er fragte sich, wie sich z.B. deutsche Soldaten, die die Grenze zu Syrien sichern sollten, wohl verhalten w\u00fcrden, wenn ein Lastwagen mit Waffen ank\u00e4me und sie vor die Wahl gestellt w\u00fcrden: &#8220;Entweder ihr lasst uns durch oder morgen geht in Berlin eine Bombe hoch.&#8221;<\/p>\n<p>Er sah bald den Messias kommen, da ihm doch letzte Woche tats\u00e4chlich in Person von Steinmeier und seiner Reaktion auf Assads Rede ein deutscher Au\u00dfenminister eine Freude gemacht habe. Seine Vision:<\/p>\n<blockquote><p>Wir werden dem Frieden n\u00e4her kommen, wenn die Gr\u00fcnen auf der ganzen Welt gegen das iranische Atomprogramm demonstrieren&#8230;<\/p><\/blockquote>\n<p>\n<strong>Publikumseinw\u00fcrfe<\/strong> gab es gl\u00fccklicherweise nicht allzuviele: Einer musste unbedingt auf die schreckliche Situation der Pal\u00e4stinenser hinweisen, einer betonen, dass es sich hierbei um einen Konflikt zwischen Juden und Muslimen handele, und man bei einem Blick auf die Landkarte doch schon sehen k\u00f6nne, dass Israel die Form eines Stachels habe, der in den Nahen Osten gerammt worden sei; Lea Rosh fragte danach, was denn nun zu tun sei, etwa eine &#8220;Atombombe auf den Iran?!&#8221; und ein letzter versuchte, gegen die doch ganz sch\u00f6n d\u00fcstere Stimmung des Podiums zuargumentieren: Die libanesische Armee st\u00fcnde jetzt viel besser da als unter syrischer Herrschaft und Israel habe durchaus gewonnen, weil die Frage der Entwaffung der Hizbollah noch nie so offen im libanesischen Parlament diskutiert worde sei wie jetzt.<\/p>\n<p>P.S. Hmm, eigentlich hatte ich diesmal gar keinen so ausf\u00fchrlichen Bericht schreiben wollen, weil der werte Leser sich das alles auch nochmal selber anh\u00f6ren kann: <a href=\"http:\/\/jungle-world.com\/termine.html#downloads4\">http:\/\/jungle-world.com\/termine.html#downloads4<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8220;Frieden mit der Hizbollah?&#8221; war der Titel einer Diskussionsveranstaltung die gestern in der Kreuzberger Jerusalemgemeinde statt fand. Als Er\u00f6ffnungsstellungnahme erkl\u00e4rte Eldad Beck seine Trauer um die unschuldigen Opfer auf beiden Seiten und seine Ratlosigkeit angesichts einiger Fragen: Ist jetzt irgendwas grunds\u00e4tzlich anders als vorher? 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