{"id":96,"date":"2006-08-28T19:36:30","date_gmt":"2006-08-28T17:36:30","guid":{"rendered":"http:\/\/www.scrupeda.net\/wordpress\/2006\/08\/28\/es-bringt-uns-alle-um-es-bringt-uns-alle-um\/"},"modified":"2006-08-28T19:54:08","modified_gmt":"2006-08-28T17:54:08","slug":"es-bringt-uns-alle-um-es-bringt-uns-alle-um","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.scrupeda.net\/wordpress\/2006\/08\/28\/es-bringt-uns-alle-um-es-bringt-uns-alle-um\/","title":{"rendered":"&#8220;Es bringt uns alle um! Es bringt uns alle um!&#8221;"},"content":{"rendered":"<p><strong>Schon wieder deutsche Medientheorie, oder: <a href=\"http:\/\/www.scrupeda.net\/wordpress\/2006\/08\/28\/es-bringt-uns-alle-um-es-bringt-uns-alle-um#wisnewski_liste\"> 13 Gr\u00fcnde, warum das Fernsehen b\u00f6se ist<\/a><\/strong><\/p>\n<p>In <a href=\"http:\/\/classless.org\/\">Classless&#8217;<\/a> Rechercheberg stie\u00df ich auf <strong>Gerhard Wisnewskis<\/strong> <em>Die Fernsehdiktatur &#8211; Kippen Medienzaren die Demokratie? <\/em> (M\u00fcnchen: Knesebeck 1995). Recht fassungslos stellte ich fest, wie sehr auf dieses Buch der <a href=\"http:\/\/www.scrupeda.net\/wordpress\/2006\/06\/18\/the-medium-is-the-mess-1\/\">Witz <\/a>\u00fcber die Reaktion von Deutschen auf eine neue Technologie passt: weglaufen und schreien &#8220;Es bringt uns alle um! Es bringt uns alle um!&#8221;. Wisnewski gibt sich alle M\u00fche, das Fernsehen als etwas darzustellen, das \u00fcber die unschuldigen, differenziert denkenden und eigentlich gegen die Anziehungskraft demagogischer F\u00fchrerpers\u00f6nlichkeiten immunen B\u00fcrger hereinbricht und sie zu leicht zu beherrschenden Geistekranken macht. Was sie vor dem Hereinbruch des Fernsehens nat\u00fcrlich noch nicht waren.<!--more--><\/p>\n<p>Die \u201ckognitive Konkurrenz zwischen Text und Bild\u201d bewirke eine \u201cganz eigene Demagogie der Bilder\u201d, die den \u201canspruchsvolleren Inhalten\u201d die Schau stehlen w\u00fcrde. Die Informationen &#8220;dringen&#8221; laut Wisnewski in die Fernsehschauer ungehindert &#8220;ein&#8221;, weil die Bilder sich so schnell bewegen, dass man ihnen &#8220;geistig hinterher rennen&#8221; m\u00fcsse, wodurch die M\u00f6glichkeiten des Kontaktabbruchs und der kritischen Reflexion nicht mehr gegeben seien. Bei den &#8220;m\u00fcndigen B\u00fcrgern&#8221; w\u00fcrden &#8220;wichtige intellektuelle Funktionen zusammenbrechen&#8221;. Fernsehen ist etwas anderes als das Nichtfernsehen, aber Wisnewski verkraftet das nicht bzw. das Fernsehen ist hinter ihm her:<\/p>\n<blockquote><p>Die intellektuelle Aufnahmef\u00e4higkeit scheitert an der desintegrierten Bild- und Tonflut. F\u00fcr unsere Sinne ist es ein absurdes Geschehen, wenn Bild- und Tonebene auseinandergerissen werden und unabh\u00e4ngig voneinander auftreten k\u00f6nnen.<br \/>\n    [\u2026]<br \/>\nEine derartige Entkoppelung von Geschehenszusammenh\u00e4ngen hat es in der Geschichte der Wahrnehmung noch nie gegeben. Informationen drohen im Bermudadreieck zwischen Bild und Text unterzugehen, ein Umstand, der das Fernsehen als \u201cLeitmedium\u201d einer demokratischen Gesellschaft disqualifiziert, um so mehr aber als suggestives Propagandamedium empfiehlt.\n<\/p><\/blockquote>\n<p>Das Fernsehen repr\u00e4sentiere mit seine &#8220;intensivierten und aufgeputschten Bildern&#8221; nichts als eine &#8220;gesellschaftliche Wahrnehmungsst\u00f6rung&#8221;. Illustriert wird das ganze am Beispiel der Sendung ZAK, und hier l\u00e4sst Wisnewski seinem Hass auf die Moderne freien Lauf: ZAK sei eine \u201coptische und akustische Vergewaltigung\u201d, die Rede von einer \u201cavantgardistischen Schnitttechnik\u201d die die Beitr\u00e4ge zu \u201coptischen Feuerwerken\u201d mache wird bei ihm zu Denunziation, die \u201caudiovisuellen Pyrotechniker\u201d an Schnitt und Tricktechnik, die seiner Meinung nach dort im Schneideraum \u201cdie Macht \u00fcbernommen\u201d haben m\u00fcssen in diesem Bezugsrahmen schon fast Schwerverbrecher sein. Er zitiert die Frankfurter Rundschau:<\/p>\n<blockquote><p>Bei ZAK wird das Wochengeschehen nicht blo\u00df eingefangen, sondern \u201czerst\u00fcckelt, seziert, gedreht, gewendet, gedrescht, geflegelt und schlie\u00dflich neu zusammengepuzzelt\u201d, beobachtet die Frankfurter Rundschau. Im besten Falle entstehe dabei eine Fiktion, die der Wirklichkeit n\u00e4her komme als diese sich selber. Vielen Dank. Schon eher klingt das nach einer besonders massiven Form der Entkoppelung von Wahrnehmungszusammenh\u00e4ngen an der Grenze zum Spaltungsirresein.<\/p><\/blockquote>\n<p>Denn Wisnewski erkennt ja die Wirklichkeit, wenn er sie sieht, und A = A ist auch keine Tautologie, sondern ein Grundsatz der Darstellung, an den sich das Fernsehen zu halten hat; m\u00f6glicherweise ungewohnte Blickwinkel sind ein Anzeichen f\u00fcr Schizophrenie. &#8220;Optische Lust\u201d und \u201cAugenkitzel\u201d d\u00fcrfen nicht zum \u201cdrogenartigen Selbstzweck\u201d verkommen und nicht \u201cinhaltsleere Verpackung\u201d bleiben. <strong>No Fun!<\/strong><\/p>\n<p>Wisnewskis eigentliche Liebe geh\u00f6rt den gedruckten Informationen, und er kann dem Fernsehen einfach nicht verzeihen, keine Zeitung zu sein, ja, das Fernsehen hat es anscheinend ganz hinterh\u00e4ltig genau auf seine Lieblingsbuchstaben abgesehen:<\/p>\n<blockquote><p>Der Angriff des Fernsehens auf die gedruckte Information ist allumfassend.<\/p><\/blockquote>\n<p>Und:<\/p>\n<blockquote><p>Nur ein Bruchteil dessen, was sich mit gedruckten Worten in einer Zeitung schildern l\u00e4\u00dft, l\u00e4\u00dft sich auch in einem Fernsehbeitrag darstellen.<\/p><\/blockquote>\n<p>Die Erkenntnis, dass sich der Satz auch umdrehen l\u00e4sst und eben nichts weiter sagt als: &#8220;Das Fernsehen ist keine Zeitung, die Zeitung kein Fernsehen&#8221; w\u00e4re von einem wie Wisnewski wohl auch wirklich zu viel verlangt. In diesem ganzen plumpen Glauben an die unschuldigen B\u00fcrger und der abstraktions- und logikfeindlichen Darstellung, die noch nichteinmal versucht, sich von ihrem Gegenstand \u00fcberhaupt einen Begriff zu machen, und immer wieder gerade die modernen Z\u00fcge ihres Gegenstandes pathologisiert, wagt sich Wisnewski noch an einige tiefsch\u00fcrfende Bemerkungen \u00fcber das Fernsehen, das Intellektuelle und den Faschismus: <\/p>\n<blockquote><p>Die Eliminierung und Verst\u00fcmmelung von Informationen geh\u00f6rt als konstituierendes Merkmal zu Faschismus und Totalitarismus, ohne das sich bestimmte Verbrechen und die Unterdr\u00fcckung von V\u00f6lkern ganz einfach nicht verwirklichen lassen. Im \u00fcbertragenen Sinne findet die B\u00fccherverbrennung heute auf dem Bildschirm statt<\/p><\/blockquote>\n<p>Wenn der Faschismus die Unterdr\u00fcckung von (nat\u00fcrlich eigentlich guten) &#8220;V\u00f6lkern&#8221; ist, Avantgarde b\u00f6se und Wirklichkeit eindeutig, dann ist Fernsehen sozusagen Faschismus aus der Dose.<\/p>\n<p>Und weill es so sch\u00f6n war zum Schluss nochmal die handliche Liste zum auswendig lernen, warum &#8220;das Fernsehen als demokratisches &#8220;Leitmedium&#8221; v\u00f6llig ungeeignet&#8221; sei:<\/p>\n<p><strong id=\"wisnewski_liste\">Weil<\/strong><\/p>\n<ol>\n<li>es die freie Wahl behindert, ob man es sehen will oder nicht<\/li>\n<li>es s\u00fcchtig macht<\/li>\n<li>es den Bewu\u00dftseinszustand ver\u00e4ndert<\/li>\n<li>es diffuse psychische, nerv\u00f6se und k\u00f6rperliche Wirkungen entfaltet<\/li>\n<li>es nicht in der Lage ist, wichtige Inhalte ad\u00e4quat zu transportieren<\/li>\n<li>es wichtige Inhalte ignoriert, weil das technische Material (Bilder, T\u00f6ne, Interviews) fehlt<\/li>\n<li>es statt wichtiger Inhalte Machtsymbolik transportiert<\/li>\n<li>es damit eine schwerwiegende Informationskrise beim Publikum ausl\u00f6st<\/li>\n<li>es die B\u00fcrger kontrollierbar macht<\/li>\n<li>es einen Wechsel erschwert<\/li>\n<li>es dadurch ein Mittel zur Herrschaftssicherung geworden ist<\/li>\n<li>es einfache Antworten und L\u00f6sungen besser transportiert als komplizierte<\/li>\n<li>es singul\u00e4re, charismatische F\u00fchrerpers\u00f6nlichkeiten besser transportiert als Argumente<\/li>\n<\/ol>\n<p><strong>\u00dcbersetzt:<\/strong><\/p>\n<ol>\n<li>Ich finde den Knopf nicht!<\/li>\n<li>Oh diese b\u00f6sen geilen Bilder machen mich ganz wuschig.<\/li>\n<li>Fernsehen ist anders als nicht fernsehen!<\/li>\n<li>Ich wei\u00df auch nicht so genau, was es tut, aber irgendwas wird sich schon finden.<\/li>\n<li>Es pr\u00e4sentiert nicht genau meine Meinung.<\/li>\n<li>Es hat eigene Spielregeln.<\/li>\n<li>Statt meine diffenrenzierten Analysen sind immer nur die gro\u00dfen coolen Typen im Fernsehen<\/li>\n<li>Ohne Fernsehen w\u00fcrden viel mehr Menschen auf mich h\u00f6ren!<\/li>\n<li>Die Menschen k\u00f6nnen doch von alleine nicht so bl\u00f6d sein.<\/li>\n<li>Es sind die Falschen an der Macht, und das Fernsehen ist daran schuld, dass sie da bleiben.<\/li>\n<li>Oh Gott, das Fernsehen stellt sich in den Dienst von Herrschaft. Meine Lieblingszeitung w\u00fcrde sowas niemals tun.<\/li>\n<li>Das Fernsehen ist ein popul\u00e4res Medium.<\/li>\n<li>Siehe Punkt sieben.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Elf Jahre nach Erscheinen des Buches ist das vielleicht ein wenig nachgetreten, aber ich w\u00fcrde behaupten, dass auch heutige &#8216;Internetkritik&#8217; teilweise sehr \u00e4hnlich funktioniert, und ich war wirklich beeindruckt von der st\u00e4ndig pathologisierenden antimodernen Sto\u00dfrichtung des ganzen Buches, das implizit ein sehr gef\u00e4hrliches Bild der nat\u00fcrlich eigentlich &#8216;guten&#8217; &#8216;schlauen&#8217; Menschen und &#8216;nat\u00fcrlicher&#8217; Wahrnehmung zeichnet. Das b\u00f6se kommt immer von drau\u00dfen und muss den Menschen aufgen\u00f6tigt werden. Diese Elemente sind eben nach wie vor in Deutschland hochgradig anschlussf\u00e4hig. Und was die Sprache angeht w\u00e4re eine Analyse Wisnewskis in der Richtung von <strong>Theweleits<\/strong> <em>M\u00e4nnerphantasien<\/em> wahrscheinlich recht aufschlussreich.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Schon wieder deutsche Medientheorie, oder: 13 Gr\u00fcnde, warum das Fernsehen b\u00f6se ist In Classless&#8217; Rechercheberg stie\u00df ich auf Gerhard Wisnewskis Die Fernsehdiktatur &#8211; Kippen Medienzaren die Demokratie? (M\u00fcnchen: Knesebeck 1995). Recht fassungslos stellte ich fest, wie sehr auf dieses Buch der Witz \u00fcber die Reaktion von Deutschen auf eine neue Technologie passt: weglaufen und schreien [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[8,11],"tags":[],"class_list":["post-96","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-bucher","category-rant"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.scrupeda.net\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/96","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.scrupeda.net\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.scrupeda.net\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.scrupeda.net\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.scrupeda.net\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=96"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/www.scrupeda.net\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/96\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.scrupeda.net\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=96"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.scrupeda.net\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=96"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.scrupeda.net\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=96"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}