“… über alles deutsche Gestammel turmhoch erhaben”

Deutsch Sprech #3
Wieder dreht es sich um
Hans Müller
Das ist unser Deutsch – Ein Zeitspiegel
Langensalza 1937

und die Links führen zu den Scans zum selber lesen.

“Ein übler fremdartiger Geruch steigt von dieser gräßlichen grandiosen Reportage auf,” meint Hans Müller in dem kurzen ‘Grandios’ betitelten Kapitel. Das ganze Kapitel dreht sich um eine nicht ‘angemessene’ Ankündigung eines Filmes über den ‘großen Tag von Potsdam’ mit den Worten: “Der große Tag von Potsdam – ein grandiose Bildreportage!”

Wer dieses Werbewort geprägt hat, muß taub gewesen sein, denn er hat den Mißklang nicht gehört, den die Reibung des großen deutschen Tages mit der französischen Reportage aufschrillen läßt. Er war auch blind, denn er hat das Hakenkreuz und die deutschen Farben, die den großen Tag Deutschlands begrüßten, offenar gar nicht wirklich geschaut; sonst hätte er dieses großartige, gewaltige, prachtvolle, erhabene Schauspiel nicht mit der Sprache der Italiener und Franzosen grandios genannt!

In dem Ton geht es eine Weile, und das Fazit lautet natürlich, dass bloß deutschnational meinen, die Propaganda anpreisen noch nicht reicht; ein richtiger Deutscher muss eben richtig deutsch fühlen. Gleichzeitig ist diese ‘Sprachpolitik’ von einem geradezu extremen Sprachpositivismus geleitet:

[…] es ist nicht wahr, daß das romanische Wort grandios irgend etwas enthalte, was unsere guten deutschen Wörter: großartig, prächtig, erhaben, wundervoll, in den Schatten stellen könnte. Dann müßten wir ja in den französisch-deutschen Wörterbüchern hinter dem Worte grandios einen leeren Raum finden, ein Fragezeichen oder die Erklärung: “Im Deutschen nicht wiederzugeben, weil über alles deutsche Gestammel turmhoch erhaben.”

Als ob es in der Wahl der Worte um ein höher, größer, weiter ginge. Als ob nicht jedes Wort Nuancen enthielte, die es von allen anderen Worten unterscheidet, schon allein vom Klang, der dem Autor doch an anderer Stelle so wichtig ist. Und weiter geht es wieder um das ‘gründliche Säubern’ ‘unserer Muttersprach’ von allem ‘Fremdwörteln’:

Sie soll nicht mehr schludrig und beschmutzt, sondern sauber und anständig gekleidet einhergehen! Kampf dem Fremdwort!”

Immer wieder bin ich erstaunt, wie stark diese Sprache sexualisiert ist.

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