Ich dachte, das Sommerloch kommt erst noch

“Alles über Pop, Provokation und PC auf den Thema-Seiten”

Bevor morgen schon wieder die neue Ausgabe raus kommt noch ein paar kurze Bemerkungen zum aktuellen Thema der Jungle World:

AHA (“Her mit dem schlimmen Dreck!”) schreibt wieder über sich selbst, nur geht er dieses Mal davon aus, alle anderen [also “wir”] seien ebenso auf Abgrenzung als Selbstzweck bedacht wie er und würden sich auch hauptsächlich deshalb für alle möglichen “Debatten” interessieren:

Was haben wir nicht fleißig unsere Argumente ausgetauscht, uns positioniert, die Kontroversen als solche wirklich ernst genommen. Im Feuilleton, am Tresen oder als Eierwerfer auf Mia-Konzerten. Danach konnten wir uns besser fühlen: Problem erkannt, Gegner benannt, Haltung gezeigt, der Nächste, bitte.

Wobei damit klar ist, dass jenes “ernst genommen” keins gewesen sein kann. Und warum in einer Zeitung, die zumindest sowas wie einen kritischen Anspruch hat, überhaupt penetrant von einem “wir” geschrieben wird, leuchtet mir auch nicht ein. Es kommen auch sofort Zweifel auf, ob “wir” denn wirklich “alle” wissen, “wie sie funktioniert, die Kulturindustrie”. Zumindest in meiner Erinnerung hatte die Kritik der selben kaum etwas damit zu tun, “den Feind als Feind zu benennen”, sondern doch eher damit, zu analysieren, wie sich bestimmte gesellschaftliche Vorgänge und Verhältnisse in den Produkten und Verfahrensweisen der “Kulturindustrie” niederschlagen. Überdeutlich beschreibt AHA hauptsächlich seine eigene Erfahrung, seine eigenen Gedanken & Gefühle, auch wenn er das ganze in Formulierungen von großer Allgemeinheit kleidet, wimmelnd vor lauter “man”s.
Warum sollte man auch “alles großartig finden, wenn man eigentlich denkt, dass alles so richtig schlecht läuft”? Ob ein neues Album von den Goldenen Zitronen ein Grund zur Freude ist, wenn es “Lenin” heißt und auf Buback erscheint ist zumindest zweifelhaft. Wenn AHA sich freut, dass die Hamburger Schule sich mal wieder so richtig ins Zeug legt (seine Wahrnehmung), und damit mal wieder fest steht, wer in nächster Zeit “die Guten” sein werden, kann man den Artikel eigentlich beruhigt aus der Hand legen und sich für ihn freuen, dass zumindest bei ihm Identität sich noch wie von selbst herstellt. Folgerichtig geht es in seinen einleitenden Sätzen zu den anderen Beiträgen zum Thema auch darum, was “man” von allem möglichen “halten” “soll”.
Seine Lobhudelei auf die deutsche Ausgabe des Vice Magazins wirft ein sehr deutliches Licht auf AHAs Verständnis von Sinn und Unsinn von Provokation.

Sonja Eismann (“Unkorrekt im Mainstream”) schreibt auch über AHA:

Wenn ich noch einmal eine Formulierung wie »herrlich politisch unkorrekt« lesen muss, die nur aus Denkfaulheit »Frische und Frechheit« mit Diskriminierung und Stumpfsinn assoziiert, muss ich kotzen. Oder gähnen.

und sonst weder neues noch spannendes, auch hier erscheint einiges wie eine halbherzige Wiederaufwärmung von Adorno (ohne dass er genannt werden würde.)

Jörg Sundermeier (“Provo-Maschine im Leerlauf”) macht einen Punkt und verteidigt das langweilig Sein gegen den Zwang zur schon längst entleerten Provokation:

Wo keine Revolution zu erwarten ist, ist Verweigerung allemal eine bessere Strategie als die aggressive Teilnahme.

Felix Klopotek (“Fuck! Shit! Gähn!”) stellt schwerfällige Gedanken über die Entwicklung von The Who an, und meint:

Das Ziel aber ist das erhabene Kunstwerk, in dem die Affekte – Angst, Wut, Euphorie, Kontemplation – perfekt balanciert sind.

Dass das, was Kunst angeht, seit mindestens hundert Jahren eigentlich sowas von durch ist – egal, und die Behauptung, der Gehalt eines provokativen Kunstwerks bestimme sich nicht durch seine “Immanenz”, sondern duch den öffentlichen Widerhall, ist schlicht Adorno auf den Kopf gestellt, und das ohne Begründung. Was aber Kunst und Pop überhaupt miteinander gemein haben, warum also die Kriterien der Kunst kommentarlos auf Pop übertragen werden können, Pop und Kunst selbstverständlich direkt verglichen, bzw. Pop schlicht Kunst ist, wäre doch zumindest einen Nebensatz wert gewesen.
Why?

Thomas Blum
(“Provokation & Wertarbeit”) hackt zu guter letzt noch auf Punkbettlern/pennern als solchen rum, wirft ihnen vor, weniger cool/kultiviert zu sein als er selbst, nicht mehr up-to-date, und freut sich daran, von Joey Ramone noch nie musikalisch überrascht worden zu sein.

P.S. Angesichts der für Blogger wohl größten Genugtuung, nämlich von einem Printmedium bemerkt worden zu sein (AHA am 1.März 2006), habe ich angemessen dilettantisch ein kleines Banner gebastelt, mit der herzlichen Einladung an alle, die sich von der Formulierung “antideutsche Breakcore-Spacken” angesprochen fühlen, selbiges weiter zu verbreiten:

spackenbanner
Wer dazu diesen Code benutzt:

<a href="http://www.scrupeda.net/wordpress/2006/04/11/ich-dachte-das-sommerloch-kommt-erst-noch#spackenbanner"><img style="padding:0; border:1px solid #000" src="http://scrupeda.net/kram/Spackenbanner.gif" alt="spackenbanner" /></a>

verbaut das Banner mit schwarzem Rahmen und link zurück zu genau diesem “P.S.” Abschnitt.

P.P.S. Das ganze fing mit diesem Posting an: Andreas Hartmann is killing sound.

6 Responses to “Ich dachte, das Sommerloch kommt erst noch”

  1. neingeist Says:

    das banner ist ja breakcore, ist gekauft! 🙂

    +++ neingeist

  2. harry hirsch Says:

    I guess you made it again. Siehe Editorial der aktuellen Jungle World.

  3. classless Says:

    Oh ja: “Nur einer unserer Kollegen, der ist ein Popstar. Seine Feinde dokumentieren und kommentieren im Internet akribisch jede seiner Dschungel-Aktivitäten, und seine Fans sind nicht nur einfache Fans, sondern Groupies. Na ja, so sah es jedenfalls aus, als er vorige Woche Besuch bekam.”

    Aber als Feind geht er ja dann doch nicht durch, eher als Ärgernis. Außerdem scheint er ja eher umgekehrt etwas gegen uns “antideutsche Breakcore-Spacken” zu haben.

  4. harry hirsch el ef oh Says:

    Hab´s nun doch endlich mal geschafft, DAS Banner nicht nur bei myspace, sondern auch in meinem Blog unterzubringen. Na alla, geht doch.

  5. u.mat Says:

    u.mat

  6. antje Says:

    What a shit!

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