Fußnotennationalismus

In Deutschland hingegen scheint das Übergehen weniger die Sache einer speziellen Aussage als vielmehr einer generellen zu sein. Westdeutsche Historiker liebten es, andere dafür zu schelten, daß sie es unterließen, “die ältere deutsche Literatur” zu zitieren. Sie selber jedoch unterließen es immer wieder, jüngere Literatur, insbesondere solche zur deutschen Geschichte zu zitieren – die in anderen Sprachen erschienen war, und nahmen oftmals die neueren, interdisziplinären Formen der Geschichtsschreibung, die in Frankreich und den Vereinigten Staaten in Blüte standen, entweder nicht zur Kentniss oder griffen sie nicht auf. Damit erwiesen sie nicht ihre Ignoranz (der Gedanke sei mir fern), sondern brachten vielmehr eine Überzeugung zum Ausdruck: daß sie das Mittlere Königreich historischen Denkens bewohnten, jenes, das ursprünglich mit dem von der Begriffsgeschichte heimgesuchten, von deutschen Historikern dominierten historischen Fach des 19. Jahrhunderts verbunden war. Folglich hatten sie keinen Anlaß, den Barbaren draußen Zutritt zu gewähren – jene wenigen privilegierten Fälle ausgenommen, in denen die Barbaren sich genug von den Prozeduren und Mysterien deutscher Wissenschaft angeeignet hatten und so selbst zivilisiert geworden waren. Die historische Gemeinschaft, die so zutage trat, koinzidierte, ungeachtet aller Teilungen, aufs Genaueste mit den nationalen Grenzen.

Anthony Grafton, Die tragischen Ursprünge der deutschen Fußnote, Berlin 1995, S.23

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