Revenge of the Female Nerds

Annalee Newitz auf dem 23c3

Newitz eröffnete ihren Vortrag mit einer Anekdote von der Defcon: als sie zum ersten Mal dort war (als Sprecherin?), habe sie jeder, dem sie begegnet sei, und zwar Männer wie Frauen, erstmal gefragt, wessen Freundin sie sei. Sie betonte, dass es ihr nicht darum ginge, über die bösen Männer rumzujammern, sondern darum, gesellschaftliche Mythen und soziale Muster zu entlarven, denen wir alle aufsitzen und die wir alle reproduzieren. Es ginge also nicht nur darum, wie Männer Frauen sehen, sondern darum, wie Frauen sich selbst und Männer Frauen sehen.

Mit der Realität, dass die Hackerszene (und naturwissenschaftlichen bzw. technischen Gebiete im Allgemeinen) überdeutlich männlich dominiert sei, könne Frau auf verschiedene Weise umgehen. So gäbe es zwar Frauen, die den Umstand, dass sie immer erstmal unterschätzt werden, zu ihrem Vorteil auszunutzen wüßten, da die jeweiligen Gegenüber dadurch unaufmerksam werden und sich Blößen geben, andererseits aber eben auch die, die auf Grund solcher Vorurteile von guten Jobs verdrängt oder sie gar nicht erst kriegen würden, hin zu denen, die irgendwann entnervt aufgeben und das jeweilige männlich dominierte Gebiet schlicht räumen würden.

Aber sie wolle sich nicht beklagen, sondern nach den Ursachen fragen. Schließlich leiden alle Beteiligten unter diesen Zuständen. Zur Illustration erzählte sie zwei Geschichten:

  1. An ihrer Uni sollte ein Fitnesscenter neu gebaut werden. Zu diesem Zweck sei eine Studie über die bisherige Nutzung des alten Fitnesscenters erstellt worden, und dabei sei herausgekommen, dass Frauen nur 30% der Nutzer stellten. In dem Neuba seien nun nur ein drittel so viele Umkleidekabinen für Frauen wie für Männer eingeplant worden. Auf diese Art und Weise sei physisch festgelegt worde, dass auch in den nächsten 50 -100 Jahren nicht mehr als 30% der Nutzer Frauen sein könnten. Natürlich völlig ungeachtet des Umstandes, dass dieser Anteil in den vergangenen Jahrzehnten drastisch gestiegen ist und durchaus noch weiter steigen kann.
  2. Auf der Defcon 2005 habe es einen Vortrag zum Thema ‘weibliche Hacker’ gegeben. Der Mann, der den Vortrag hielt habe gemeint, wirklich recherchiert zu haben, und sei zu dem Schluss gekommen, es gäbe keinen weiblichen Hacker. Während er dies verkündete seien durchaus nicht wenige weibliche Hacker im Publikum gewesen, aber die verließen nach und nach den Raum und am Ende seines Vortrages hätte es sie tatsächlich ‘nicht gegeben’. Später sei ein Vortragsvorschlag von drei Frauen zum selben Thema dann abgelehnt worden.

Sie betonte, dass die Verwendung von Statistiken problematisch sei, wenn man annehmen müsse, dass die Zukunft anders sein werde als die Vergangenheit, und erklärte vier grundsätzliche Annahmen, von denen sie ausgehen würde und über die sie nicht mehr diskutieren wolle:

  1. Die beklagenswerten Geschlechterverhälntisse seien ein Problem für alle, nicht nur Frauen.
  2. Frauen sind ebenso befähigt zu Technik und Wissenschaft wie Männer
  3. Eben die Problematik von Statistiken
  4. Und ja, es gibt Frauen in Wissenschaft & Technik

Sie machte sich über einige Statistiken und vor allem deren gängige Interpretationen her stellte drei zentrale Mythen dar, die die Wahrnehmung von Frauen in diesen Gebieten trüben und dadurch auch ihre tatsächlich Partizipation behindern würden:

  1. “Frauen interessieren sich nicht für Technik.”
  2. “Schlaue Frauen sind unattraktiv (und Frauen sollten aber attraktiv sein).” Arbeits- und Mentorenbeziehungen zwischen Männern und Frauen seien per se verdächtig, doch nur aus sexuellen Motiven zu bestehen. Man solle sich an das gemeinsame Arbeiten endlich gewöhnen.
  3. “Frauen verbringen lieber die ganze Nacht mit Babies als im Labor.” In Empfehlungsschreiben für Frauen werde 6 x so häufig auf deren Familienleben eingegangen wie in solchen für Männer.

Solange das so sei solle man gezielt den Kontakt mit Frauen in diesen Gebieten suchen, die, die man trifft anerkennen und bemerken und fiktive female Nerds abfeiern, wo man sie finden könne. Dazu gehöre, nicht ständig auf das Familienleben von Frauen zu schielen und andererseits aber auch anzunehmen, dass das Privatleben von Männern sich auf deren Karriere auswirken könne. Ich fand Trinity leider ein etwas schwaches Beispiel für fiktive female Nerds, zumindest angesichts dessen, zu was für einer Figur sie teilweise schon im ersten, aber endgültig in den folgenden Matrix-Filmen degradiert wird. Nun ja.

Gegen Ende habe ich es geschafft ihr ein Exemplar dieses wahrscheinlich sehr tollen Buches abzuschwatzen: She’s Such a Geekshe is such a geek cover. Das wird für den Rest des Kongresses bei uns am Bücherstand zur freien Einsicht herumliegen. Wer will ist eingeladen vorbeizukommen und einen Blick hinein zu werfen. Meistens ist bei uns auch noch ein Stuhl frei…

P.S. Plomlompom war auch da.

10 Responses to “Revenge of the Female Nerds”

  1. classless Kulla » Blog Archive » 23C3 Erster Tag Says:

    […] Über den sehr erfrischenden Vortrag “Revenge of the Female Nerds” von Annalee Newitz steht mehr bei scrupeda, die fleißig mitgeschrieben hat und außerdem ein Exemplar von Newitz’ Buch ergatterte, das dann morgen bei uns am Stand bekuckt werden kann. […]

  2. Alina Says:

    Hi,

    haette den Vortrag auch sehr gerne gesehen, war aber leider schon zu muede und kaputt dazu. Hatte die Nacht davor nicht wirklich schlafen koennen und wollte das Haecksen-Treffen am naechsten Morgen auch nicht verpassen. Weisst Du, ob es schon irgentwo einen Mitschnitt davon gibt? Den wuerde ich naemlich wirklich gerne sehen.

    Liebe Gruesse
    Alina

    P.S.: Noch ein ganz grosses ACK zu dem, was Du ueber ihren Vortrag geschrieben hast. Sie scheint mir aus der Seele zu sprechen. 🙂

  3. “Binary gender sucks!” // sammelsurium Says:

    […] So, ich bin seit dem 2. Feiertag in Berlin. Und seit dem 27. Dezember auf dem 23c3. Tja, so viel Gewusel und unterschiedliche Sachen, die ich machen musste, dass ich nicht wirklich zum Bloggen gekommen bin. Einen netten, coolen Gesprächs-Schnipsel möchte ich Euch dennoch nicht vorenthalten. Am zweiten Tag hatte ich abends die Gelegenheit, mit Annalee Newitz zu sprechen, die am ersten Kongresstag ihren Vortrag “Revenge of the female nerd” hielt. Mehr zum Vortrag bei scrupeda. […]

  4. “Binary gender sucks!” * 23c3-Schnipsel // sammelsurium Says:

    […] So, ich bin seit dem 2. Feiertag in Berlin. Und seit dem 27. Dezember auf dem 23c3. Tja, so viel Gewusel und unterschiedliche Sachen, die ich machen musste, dass ich nicht wirklich zum Bloggen gekommen bin. Einen netten, coolen Gesprächs-Schnipsel möchte ich Euch dennoch nicht vorenthalten. Am zweiten Tag hatte ich abends die Gelegenheit, mit Annalee Newitz zu sprechen, die am ersten Kongresstag ihren Vortrag “Revenge of the female nerd” hielt. Mehr zum Vortrag bei scrupeda. […]

  5. keimform.de » Bericht vom CCC Says:

    […] Sehr lohnend war der nächtliche Vortrag “Revenge of the Female Nerds: Busting Myths about Why Women Can’t Be Technical” von Annalee Newitz. Definitiv eine genauere Betrachtung wert, zu der ich heute aber nicht mehr komme, daher vorerst nur ein Link auf die Berichte bei Scrupeda und futur:plom sowie auf Newitz’ Websites Techsploitation sowie She’s Such a Geek (Blog und Buch). […]

  6. frauen und technik // mädchenblog Says:

    […] :::EDIT::: sammelsurium hat annalee interviewt: lesen scrupeda fasst “revenge of the female nerds” – annalees vortrag – zusammen: lesen […]

  7. zahai Says:

    ist sie nur eines von den büchern losgeworden? bzw hast du es dann am nächsten tag zum frühstück mitgebracht? weil dann haben wir uns tatsächlich getroffen, wenn auch nicht bewusst.

  8. scrupeda Says:

    Nee, sie ist auf jeden Fall beide losgeworden, ich bin nämlich weder beim Häcksenfrühstück gewesen, noch habe ich mein Exemplar aus den Augen gelassen…

  9. randnotiz » Blog Archive » Annalee Newitz am 23C3 Says:

    […] Scrupeda hat auch einen Blog-Eintrag zu dem Vortrag. […]

  10. be the media ?! » 23c3: presentation on quality and media activism Says:

    […] 23c3: presentation on quality and media activism […] Let me point you to these blogging entries about the gender thing on the congress: Annalee Newitz talk, notes by scrupeda. Interview with Annalee N. by sammelsurium. And the discussion in german “Mädchenblog”, here and there. […]

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