Bolschewistische Kurkapelle Schwarz-Rot in der Supamolly

Abgestempelte Hand

Ich wollte eigentlich doch nicht hingehen, noch weniger, nachdem ich gesehen hatte, wo sie am 14. Januar spielen werden. Junge Welt Kulturprogramm muss nicht sein. Hingegangen bin ich dann doch, habe mich halb überreden lassen und habe den Ort des Geschehens viel zu spät verlassen.


Ich habe eine Schwäche für Blasmusik, Orgien und Rumgespringe. Ich habe keine für Antiamerikanismus, der schon so selbstverständlich ist, dass er auf der Ebene der reinen Anspielung funktioniert. Ich habe ein Problem mit Parolen und Gruppen, die sich zu einig sind; Animierspielchen sind hervorragend dazu geeignet, mir den Spaß zu verderben. Ohne Anmoderation und ohne Texte hätte ich die Musik gerne ertragen, die Kurkapelle ist nicht schlecht in dem Sinne, aber sie bedienen sich eines sehr dummen Humors; Spießigkeit wird nicht dadurch besser, dass irgendwer glaubt, sie käme von “links”. Bei dem ewigen “wir gegen die da oben” verstehe ich schon den Teil mit dem “wir” nicht so richtig, schon gar nicht wenn ich von Leuten umgeben bin, die begeistert einem schlechten Witz nach dem andern applaudieren. Dass Texte über “die da oben”, bzw. der Einfachheit wegen auch gerne schlicht “die”, weder “den Juden beim Namen nennen”, noch “so gemeint” sein müssen um antisemitisch zu sein – geschenkt.

Nicht, dass die verfremdete Darbietung von sozialistischem Liedgut und allem anderen nicht Potential hätte, nicht beißende Satire sein und wirklich weh tun könnte, aber wenn die Feindbilder so simpel sind und die Verstörung der Unterhaltung geopfert wird (was hauptsächlich dazu führt, dass das ganze langweilig und eben nicht mehr unterhaltend ist), nun, dann ist eben nicht viel mit “Dissens”.

Edit: Ein Beispiel für das merkwürdige Feindbild ist der Song “Menschenfresser” von Rio Reiser, der gecovert wurde:

Menschenfressermenschen geht’s nicht immer nur um’s Geld
Menschenfressermenschen gehört fast die ganze Welt
Menschenfressermenschen zeigen selten ihr Gesicht
Menschenfressermenschen wissen alles über dich

ebenso “Keine Macht für Niemand” – bisher war mir das nich aufgefallen, weil ich kaum Ton Steine Scherben gehört habe, aber eine Stelle wie diese:

Im Süden, im Osten, im Norden, im Westen,
es sind überall die dieselben, die uns erpressen.

fordert die Frage “Ja wer ist es denn?” geradezu heraus, und von da ist die zeitlos beliebte Antwort “die Juden” nicht mehr weit.

Classless hat länger ausgehalten als ich, und nochmal nachgefragt, wer mit “Menschenfressermenschen” denn gemeint sei. Er bekam erst eine Ausflucht als Antwort, dann sowas wie “die Politiker”. Da ja alle wissen wer gemeint ist, muss nicht mehr darüber gesprochen werden, und wenn jemand fragt: “Bist du blöd?”, sag “Ja!”.

One Response to “Bolschewistische Kurkapelle Schwarz-Rot in der Supamolly”

  1. Lars Strojny Says:

    Rio Reiser, bzw. Band, sind auch ansonsten voll von Ressentiment und Antiimperialismus. »Die Bonzen« kommen in jedem zweiten Stück vor, dem bösen Oben (selbst in Form eines Kontrolleurs!) ist immer invers gesetzt das gute Unten (»Herr Meier«) und jene, die nicht passen, sollen herausgeworfen werden. Erst »nur« aus Kreuzberg, vielleicht später dann aus Deutschland?. Voll von Cliches. Nervige Mucke, bis auf dass mich nervigerweise »Der Traum ist aus« irgendwie seolig stimmt. Aber meine persönlichen Probleme tun hier nix zur Sache!

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