Funkerspuk, Fnord und Ferblendungszusammenhang

Wenn mich nicht alles täuscht verkündet mir die Pentabarf Instanz für den 23C3 – Who Can You Trust? inzwischen, dass ich sowohl einen Vortrag über die deutsche Paranoia gegenüber dem Radio halten darf (geschichtsträchtig, geht es doch u.a. darum, wie gründlich schon in der Weimarer Republik für Zensur gesorgt wurde, und wie leicht dies die propagandistische Gleichschaltung dieses Mediums den Nazis machte), als auch zusammen mit Classless über die Gemeinsamkeiten und Unterschiede von Kritischer Theorie und Diskordianismus, Adorno und Robert Anton Wilson orakeln. Aus vorfreudigem Übermut hier schonmal die vorläufigen Ankündigungstexte, und wenn irgendwem noch etwas zu einem der Themen einfällt, und sei es nur eine Frage, ich nehme alles dankbar entgegen…

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‘Funkerspuk’, Amateur Radio Leagues and different approaches to control of the airwaves

The introduction of radio in the USA and Germany is compared, the role amateurs played and how the respective authorities reacted to them. Questions arise as to how those reactions were models for the treatment of younger communication technologies, and the different approaches to uncontrolled communication will be sketched out. Is “everybody can listen in” a scary thing?

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Radio was one of the first technologies to provoke that obsessive play that later resulted in the ‘geek’ stereotype/reality. It was empowering communication through self built & played with appliances like nothing before. In the reactions of the governments of the time models for the reactions to new communication technologies were established. In fact, the two-way communication possible through amateur radio likens it way more to modern networking technologies than to any of the other ‘big media’ that have evolved in the meantime, TV as well as the different incarnations of music recording and playback, video etc.. But the reactions to radio in the USA and Germany in the early twentieth century were completely different. In the former, the amateurs were accepted, organised, listened to in regards of legislation issues, and found to be a handy resource to rely on in WW1. In the latter, the amateurs were only produced by WW1, educated in the army, and had a brief flowering through the ‘Mißbrauch von Heeresgerät’ (‘misuse of military property’) afterwards, but were illegalised after the failed November Revolution of 1918. Radio in the Weimar Republik was controlled by an huge censoring apparatus. Nobody thought of extending the freedom of the press to radio.

In fact, the introduction of organised radio broadcasting was hindered by the slowness of the german authorities in deciding on which kind of control to rely on: somebody checking the material before it is broadcast, somebody being present in the studio while it is broadcast, or somebody personally controlling every single receiver in the country. Later, the amount of radio control allready established made it extremely easy to take hold of by Goebbels after the ‘Machtergreifung’, and amateur radio only got legal after WW2. So, while in the USA a private radio industry developed, with all the characteristics a private culture industry has, in germany it stayed a government controlled medium; whereas in the USA the uncontrolled communication of amateurs was taken for granted, nothing could have scared the german authorities more.

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Es geht um die Chronologie der Einführung von Radio in den USA und Deutschland, die Rolle, die die Funk-Amateure bei ihr gespielt haben und wie mit ihnen umgegangen wurde. Dabei spielt der erste Weltkrieg eine große Rolle, konnten hier von den USA die selbst-ausgebildeten Amateure doch schon eingesetzt werden, während in Deutschland erst im Krieg in großer Zahl Funker ausgebildet wurden und sich nach dem Krieg teilweise als Amateure des Heeresgerätes bemächtigten (‘Funkerspuk’). Während in den USA selbstorganisierte Funker-Vereine vom Kongress angehört wurden, wenn es um Radiogesetzgebung ging, und ihre Interessen tatsächlich Berücksichtigung fanden, jagte das Engagement vieler Funker in Deutschland für die Novemberrevolution den deutschen Behörden einen solchen Schrecken ein, dass die Kontrolle und Zähmung, die Zensur und der Ausschluss der Möglichkeit von ‘Funkerspuk’ die Radiopolitik der Weimarer Republik bestimmte. Dabei wurde durchaus festgestellt, wie gut das Radio zur Verbreitung von Nachrichten geeignet ist, nur dass es auch unter die Pressefreiheit fallen könnte, darauf kam keiner. So musste Goebbels schließlich das Radio nicht ‘gleich schalten’ im Sinne des Wortes, sondern die bereits installierten Kontrollmechanismen nur nutzen. Später sollte schließlich das deutsche Streben nach inhaltlicher Kontrolle die Innovation und Verbreitung von Tonbandgeräten in Deutschland entscheidend fördern, und in den USA das Interesse an der rein geschäftlichen Kontrolle der Radionetzwerke die Verwendung des Tonbandes bis nach dem Zweiten Weltkrieg blockieren .

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Critical Theory and Chaos

Während Wilson sich alles gibt, in jeden Abgrund schaut und sich möglicherweise experimentell erstmal reinfallen lässt, denkt die Kritische Theorie vom Wissen um den Holocaust, dem einen großen Abgrund aus, dessen Wiederholung es unbedingt zu vermeiden gilt. Und während vieles ihrem Blick entgeht, kann man Wilsons Neophilie und Optimismus, seinem Vorspielen von Möglichkeiten und nichts zuletzt der teilweise an Selbsthilfe-Handbücher gemahnenden Aufforderung, neue Möglichkeiten des eigenen Nervensystems zu spielen, vorwerfen, den Fokus von den gesellschaftlichen Verhältnissen weg und auf die (Eigen-)Schuld des Einzelnen zu richten. Wobei auch der Kritischen Theorie klar ist, dass die Verhältnisse so sind, wie sie sind, weil sie von jedem einzelnen ständig reproduziert werden. Eine Huhn-oder-Ei-Frage also? Alles bloß eine Frage der Perspektive?

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Kritische Theorie und Diskordianismus gehören zu den am weistesten verbreiteten Elementen des ‘social hacking’, jedoch ist gerade in den letzten Jahren des Adbusting und des Hacktivism unübersehbar geworden, daß von beiden Denktraditionen in der Hauptsache stark vereinfachte und oft auch ideologisch abgeschlossene Formen Verwendung finden. Kritische Theorie wird zumeist auf ein unbestimmtes Unbehagen an der Kulturindustrie, der Globalisierung und den technologischen Entwickungen reduziert, während Diskordianismus zur Illustration oft bedenklicher Parteinahmen für irrationale politische Auffassungen dient.

Wenn nun der Versuch unternommen wird, die Kritische Theorie dem diskordischen Witz auszusetzen und den Diskordianismus der Ideologiekritik, soll es dabei um zweierlei gehen:

Erstens um eine Freilegung des jeweiligen Potentials, um die Frage danach, worin sich die populäre Version von diesem Potential unterscheidet oder ihm gar entgegensteht. Hierzu wird die diskordische Infragestellung des je eigenen Standpunktes der intellektuellen Autoritätsvorstellung der Kritischen Theorie entgegengehalten und andersherum die vermeintliche diskordische Offenheit, etwa im verschwörungstheoretischen Diskurs, ideologiekritisch betrachtet. Es wird diskordische Witze über Adorno geben und in der Gegenrichtung adornitische Humorkritik.

Zweitens soll es um die Möglichkeiten der wechselseitigen Anregung gehen, wobei zu diskutieren sein wird, inwiefern diese Wechselwirkung wegen der verschiedenen sozialen und politischen Hintergründe der beiden Denktraditionen nicht zustande kommt. Hier wird das jeweilige Bild vom andern interessieren und die Frage, welche Szenen und Bewegungen sich jeweils aus welchen Motiven für eine der beiden Ideengebäude entschieden haben. Zur Diskussion stellen sich die Möglichkeiten einer kritischen Bewaffnung des Chaos und eine Psychedelisierung der Kritischen Theorie.

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Beide Vorträge werden wir auf Englisch halten. Und nicht vergessen: Fnord schläft nie.

6 Responses to “Funkerspuk, Fnord und Ferblendungszusammenhang”

  1. classless Kulla » Blog Archive » Chaos und Kritische Theorie auf dem 23C3 Says:

    […] Der von scrupeda und mir eingereichte Vortrag für den diesjährigen Chaos Communication Congress ist ins Programm aufgenommen worden! Jubel! Hier der Einreichungstext, der allerdings noch etwas unscharf ist, weshalb auch alle, die etwas zum Thema beizusteuern haben, herzlich dazu eingeladen sind! Ich denke da vor allem an Jochmet, Ungi, Torsun, Neingeist und Andrej) Critical Theory and Chaos Adorno, Wilson, and Discordianism […]

  2. neingeist Says:

    hättest du evt. lust den vortrag über die paranoia gegenüber dem radio auch hier in karlsruhe zu halten? ich könnte mich umhören, betr. fahrtkosten!

    +++ neingeist

  3. scrupeda Says:

    Sehr gerne!

  4. Philip Says:

    wird der kleinempfänger als requisite benötigt? ich überleg nämlich gerade mal wieder aus geldabwesenheit das ding zu veräußern. auch wenn’s sich irgendwie nicht lohnt, befürchte ich.

  5. scrupeda Says:

    Ach, hau weg dat olle Ding. Ich glaube, der Mehrwert für den Vortrag rechtfertigt nicht den Verbrauch an Speicherplatz und den Nicht-Ertrag des Nicht-Verkaufens…

  6. Philip Says:

    [×] Done.

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