(Keine) Subversion in der K9

Im Gegensatz zu Classless war ich durchaus überrascht davon, wie sehr sich einige Menschen von unseren Vorträgen persönlich angegriffen fühlten, es zeigt aber wohl auch, dass sie es wirklich hören sollten; kein ‘preaching to the converted’. Dafür kam die anschließende Diskussion kaum über den Urschleim hinaus: Ich hatte nicht erwartet, erklären zu müssen, dass auch Dinge, die ‘umsonst’ sind, deshalb nicht weniger der Verwertungslogik unterworfen sein müssen (myspace), und dass Klang erst in dem Moment zu Musik wird, wenn ein Mensch hin hört.

Meine These war, dass einer der Gründe für die Assoziation von tanzmusik-zentrierten Jugendkulturen mit ‘Subversion’ darin liegt, dass einerseits Menschen beim Tanzen (manchmal) in Trancen fallen, die sich in dem Gefühl äußern, die Zwänge, denen Mensch sonst unterlegen ist, vergessen zu können, ihnen zu entkommen, sich ‘frei’ zu fühlen, eine Erfahrung, die in Zeiten vor allem restriktiver Sexualmoral diese durchaus untergraben kann. Und andererseits darin, dass Tanz oft in einem gesellschaftlichen Rahmen statt fand, der (veraltete) Klassengrenzen offensichtlich durchbrach, so etwa, wenn Bürgerliche und Adlige zusammen in öffentlichen Ballhäusern Walzer tanzten.

Ich habe versucht, mit Hilfe einiger Zitate zu zeigen, wie ersteres, also die Verwechlsung von Dingen, die sich wie Befreiung anfühlen, mit tatsächlicher Befreiung, sich in den 60er/70er Jahren zu einer schon fast automatischen Assoziation verhärtete – und deutlich zu machen, dass genau dieses tatsächlich irgendwann vorhandene ‘subversive’ Potential von Tanz in Zeiten der ‘repressiven Toleranz’ eben eher egal ist.

Wann wo wie vollständige Mitschnitte zu haben sein werden ist mir gerade noch nicht klar, aber die lustigeren der Zitate will ich euch nicht vorenthalten:

Peter Wicke, ‘Popmusik — Konsumfetischismus oder Kulturelles Widerstandspotential?’, 1995:

„Wohl kaum eine andere Frage hat vor allem akademisch gestimmte Gemüter in Sachen Popmusik ähnlich heftig bewegt wie diejenige nach den gesellschaftlichen Wirkungen dieser Musik, nach ihrem Zusammenhang mit gesellschaftlichen Machtverhältnissen und sozialen Normen. Schon Adorno ahnte an diesem Punkt nichts als Ungemach […].

Den anderen Pol des Spektrums haben die in die Jahre und dabei zu akademischen Würden gekommenen Altfans aus den glorreichen Tagen der amerikanischen Westcoast-Musik, der Flower-Power- und Hippie-Bewegung besetzt. Einst ausgezogen, um mit der Gitarre in der Hand die Welt zu verändern, sind sie, sofern dabei nicht zu Millionären geworden, die Träger eines theoretisch ambitionierten Diskurses, die bereits beim leisesten Vorverdacht auf»Jugendkultur« ein Widerstandspotential zu feiern beginnen, das noch aus jeder Geste abweichenden Konsumverhaltens eine»Subkultur«, aus der fleißig für überteuerte Produkte löhnenden Teilnahme am Musikmarkt»resistance through rituals« werden läßt.“

Wicke in ‘Rockmusik’, Reclam Leipzig 1987:

“Rockmusik als in Klang gesetzter Pulsschlag der Gegenwart, als gebündelte Energie, die Körper und Nerven an trägen Feierabenden in Hochspannung versetzt und zum Vibrieren bringt, als Kraftzentrum einer rasenden Hingabe an die Freizeit und als zentrales Moment der Organisation sinnlicher Erfahrung, die den begrenzten Erlebnisraum von Schule, Arbeit und allabendlicher Fernsehhäuslichkeit durchbrach – das sind die Schlüsselpunkte im Musikgebrauch der Mods.”

[über Rock in den 1970ern] “Der Protestcharakter, der damit im musikalischen Erscheinungsbild des Rock gesehen wurde, suspendierte ihn von einer klaren politischen Stellungnahme in seinen Texten. Die Kraft dieser Musik lag in ihrer sinnlichen Wirksamkeit.”

Ted Friedman, Making it Funky:

“Free your mind, and your ass will follow.”
-Funkadelic, from the song and album of the same name

[…]

In the years that followed, music critics have more often than not misappropriated the slogan as “free your ass and your mind will follow.”

Gabriele Klein, Electronic Vibration, 1999, über die Wahrnehmung von Techno durch deutsch Altlinke:

Techno, so ließe sich diese Lesart überspitzt zusammenfassen, ist die Marschmusik der postindustriellen Gesellschaft; ihr Beat zerschlägt die Hirne, terrorisiert die Körper und fördert mitunter auch faschistoide Tendenzen.

One Response to “(Keine) Subversion in der K9”

  1. classless Kulla » Blog Archive » Breakcore Spacken Theorie Says:

    […] der Vortragenden und Materialien: scrupeda und […]

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